Einst rissen die Hofheimer das neue Schulhaus ein

Mit der FDP auf Spurensuche in der Hofheimer Altstadt

Auf Beschluss der Obrigkeit sollte im Jahr 1831 ein neues Schulhaus in der Hofheimer Burgstraße erbaut werden, und die Bürger der Stadt sollten die Kosten tragen. Die Gegner dieses Bauvorhabens hatten sich stattdessen für den Ankauf und die Einrichtung eines bestehenden Gebäudes eingesetzt und brachten ihren Unmut zum Ausdruck, indem sie den im Bau befindlichen Neubau des Schulhauses eines Nachts einrissen.

Mit dieser und anderen Anekdoten unterhielt Ralf Weber, Stellvertretender Vorsitzender der FDP Hofheim und Mitglied im Vorstand der Bürgervereinigung Altstadt e.V., das interessierte Publikum, das sich am Abend des 08. Juni 2022 zu einer Führung durch die Hofheimer Altstadt am Untertor eingefunden hatte. Der Initiative der Bürgervereinigung ist es zu verdanken, dass Hofheim mit seiner Altstadt heute über ein historisches Kleinod verfügt, das weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt ist. Planungen in den 1960er Jahren hatten ernsthaft den Abriss von großen Teilen der Altstadt vorgesehen, was man sich heute kaum mehr vorstellen mag. Als Gegenbewegung gründete sich 1974 die Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt e.V.

Die Führung verlief von der ehemaligen Synagoge im „Türmchen“ über den Tiverton-Platz, hier wurde damals im Zuge der Gebäudesanierung das entkernte Fachwerk des heutigen Restaurants „Die Scheuer“ mit einem Kran angehoben, um eine höhere Decke im Erdgeschoss zu ermöglichen. Weiter führte Ralf Weber die interessierten Teilnehmer über die sogenannte „Kaffeegass“ und das Burggrabengässchen in die Burgstraße, in der denn doch das neue Schulhaus errichtet worden war. Die Kosten hatten seinerzeit die Gegner des Neubaus als Strafe tragen müssen.

Auf dem Kellereiplatz berichtete Ralf Weber unter anderem, dass einst ein Kirschgarten in der Nähe des Wasserschlosses zu finden war, woher sich der Name der Kirschgartenstraße ableitet, in der heute die Kreisgeschäftsstelle der FDP Main-Taunus gelegen ist. „Die Idee einer Grünanlage im Stadtkern ist offensichtlich nicht neu“, stellte Michaela Schwarz, Ortsvorsitzende der FDP Hofheim, fest und fragte, wie viele Einwohner die Stadt seinerzeit zählte. Es werden um 1600 wohl etwa 300 Männer gewesen sein, wusste Ralf Weber zu berichten. Frauen und Kinder wurden seinerzeit in den Zählungen nicht berücksichtigt.

Ein Highlight des Rundgangs war die Besichtigung des Hauses in der Bärengasse 17, welches die Bürgervereinigung von der Stadt Hofheim gepachtet hat und in liebevoller Kleinarbeit wieder instand setzt. In dem zweistöckigen Häuschen lebten im 19. Jahrhundert zwanzig Personen, was heute glücklicherweise nicht mehr zeitgemäß ist, aber die Notwendigkeit deutlich macht, zusätzliche Baugebiete auszuweisen und Wohnraum zu schaffen.

Bei der Restaurierung der für Altstädte typischen und von Besuchern häufig fotografierten Fachwerkhäuser würde gelegentlich von der Denkmalschutzbehörde die Fachwerkoptik heute nicht mehr genehmigt, erläuterte Ralf Weber, da es nicht dem historischen Vorbild zum Zeitpunkt der Errichtung dieser Häuser entspricht. Im Mittelalter musste das Fachwerk oft aus Gründen des Brandschutzes verputzt werden, was heute eher als uncharmant empfunden wird.

Von der Bärengasse führte der Weg weiter zur Mauergasse mit den Resten der alten Stadtbefestigung, durch den Kirchhof der katholischen Kirche St. Peter und Paul in die Stephanstraße. Hier auf dem Stephansberg gehören seit Jahrhunderten die Keller zum Teil nicht zu den darüber liegenden Häusern beziehungsweise haben unterschiedliche Eigentümer. Mit der Geschichte des alten Rathauses auf der Hauptstraße, dessen Erdgeschoss früher als Markthalle diente und in dem zwischenzeitlich auch ein Gefängnis untergebracht war, schloss Ralf Weber seine Führung durch die Hofheimer Altstadt ab. Die Teilnehmer des Altstadtrundgangs applaudierten, gern hätten sie den Geschichten und Geschichtchen noch länger gelauscht. Denn offensichtlich ist nicht alles neu, was heute die Gemüter in der Stadtverordnetenversammlung bewegt.